Donnerstag, Dezember 13, 2018

Schweden - nördlicher Polarkreis

Drucken

 

Viele Mediziner geben ja Tips für ein angenehmes Schlafklima, das ideale Schlafzimmer: "Ruhig, kühl und dunkel ... "
Nun gut, manchmal höre ich ja doch zu, befolge sogar Ratschläge und so kam es: 

(M)eine Nacht im Eis

Das ganze Jahr keinen Urlaub - und mal ehrlich, Sommerurlaub mit gelegentlichem Wenden-lassen am Strand kann ja jeder. Also muss etwas anderes her: eine Reise, ganz abenteuerlich, in Richtung Elchland und zwar wennschon-dennschon gleich nördlich vom Polarkreis. Schließlich will man, da der Winter hierzulande eh ständig ausfällt, wenigstens 1 x pro Jahr echten Schnee sehen und fühlen. Und wenn man schon mal da ist, gleich bitte noch ein Schneemobil, ein paar niedliche Renntiere und eine einsame Hütte mitten im Nirgendwo - Hotel ist ja langweilig. Das war der Plan ...

Jetzt folgte nur noch die Kleinigkeit des Umsetzes - des Plans. Also Austüfteln, Lesen, Planen, Telefonieren, wieder umstellen, neu Telefonieren usw. - der gute Egon Olsen, hat sicherlich auch nicht alles aus dem Ärmel geschüttelt. Allerdings stand ich, als sich die spontane Idee nach 15 min gefestigt hatte, direkt vor dem Reisebüro meines Vertrauens. Mhmm - war auch grad keiner drin, also konnte ich mich doch gleich für verrückt erklären lassen.

Doch da war schon das erste Problem: Der freundliche Kerl im Inneren sprach mir gar nicht die Zurechnungsfähigkeit ab - viel schlimmer: er war selber schon da oben, so ganz im Norden!
Und so kam man ganz schnell zur Planung, die Flüge waren ein Kinderspiel. Eine Renntier-Logde mitten im Wald an einem See (der Same würde mich prügeln, es war nämlich ein "verdickter Fluß"), eine Hütte am Rande einer Kleinstadt - man kann ja nicht die ganze Zeit an einer Stelle hocken - und eben, das besagte Eishotel .. ähmm.. inclusive einer Nacht darin. Also im Kalten, nicht im angeschlossenen Warmen. Der Grobplan war schnell aufgestellt. Egon hätte diesen Kerl vom Reisebüro glatt noch als 4. Mitglied in seine Bande aufgenommen.

Ein paar Monate später ging es dann tatsächlich los. Etwas Zeit schinden in Stockholm, ein Einhockeyspiel incl. schwedischer Kriegsbemalung gleich am Einlass und dann wirklich in den Schnee. Spätestens im Flieger frage ich mich, worauf ich mich da eingelassen hatte, immerhin wurde es bei der Landung um 13:05 Uhr Ortszeit schon wieder dunkel.
Die Logde war wunderbar, der Koch, der die wenigen Gäste abends kulinarisch verwöhnte, hatte Sterne-Niveau - und meine neue Liebe war das Schneemobil. Einfach nur geil, damit durch die zugeschneiten Wälder zu cruisen und vorallem über die zugeschneiten Flüsse zu heizen. Doch sie kam immer näher - die Nacht im Eis. Und langsam bekam ich Bammel.

Nachmittags checkte ich ein und bekam erstmal eine Kabine - ja wirklich, eine Schwimmbadkabine. Die Wände auf Stelzen, sehr klein - grad mal genug Platz für den Koffer. Das konnte ja heiter werden. Danach ging`s in die Kleiderkammer, man bekam einen Overall und Stiefel, mit dem man draußen rumlaufen konnte - eigene Oberbekleidung war ab sofort unnötig. Kaufen konnte man - für sehr viel Geld - Thermounterwäsche, worauf ich dankend verzichtete. Desweiteren gabs einen "Presseausweis" mit dem man sich auf dem ganzen Gelände kostenfrei bewegen konnte - das unterschied einen von den Tagesgästen und den Weicheiern, welche die Luft des Eishotels atmen, aber im Warmen schnarchen wollten. Nun gut, der erste Teil des Pflichtprogramms war damit abgehandelt. Jetzt endlich mal rein in die Eisräume und damit in die Winterwunderwelt:

Tür auf, los ging`s: man rannte erstmal gegen eine Eismauer. Na toll! Um die Mauer herum tat sich eine phantastische Säulenhalle auf, die Wände natürlich alle aus Eisquadern. Die Säulen wunderbar aus dem Eis geschnitzt, selbst Kronleuchter mit hunderten von kleinen Eiskristallen hingen von der Decke. Beeindruckend. Links und rechts taten sich weitere Gänge auf, von denen gingen dann die Suiten ab. Jede hatte ein Türschild, auf dem die kreativen Köpfe aufgelistet waren. Alle Zimmer hatten ein Thema, welches bewirkte, dass man immer wieder neue Welten betrat - und aus dem Staunen gar nicht mehr rauskam.

Es gab das Elefanten-Zimmer, ein Vogel-Zimmer, sehr moderne Räume, auch ein Zimmer mit ganz vielen (Egon-Olsen-)Köpfen, Suiten mit Sitzgruppen, Räume, in welchen das Eis farbig angestrahlt wurde .. die Phantasie hatte keine Grenzen, viele Skulpturen, aus gefrorenem Schnee (sehr witzig: man kannte das: Snow+Ice = Snice). Nur einen Räum mied ich - mein Schlafdomizil für die kommende Nacht. Leider war nämlich das Icehotel noch nicht fertig, auch in Schweden waren Frau Holle und Väterchen Frost spät dran und daher waren die einfachen Zimmer - also die Zimmer, die man sich halbwegs leisten kann - noch nicht fertig. Daher musste ich leider ein Upgrate über meine Buchung ergehen lassen und hatte jetzt auch eine Icehotel-Art-Suite, für flockige 295 Euros die Nacht.

Also ging es als nächstes in die Icebar - langsam waren die Tagesgäste weg, man begann mehr und mehr alles zu genießen. Die Bar war leider auch noch nicht fertig, alles war in einem großen Zelt. Aber egal, die Barmöbel waren komplett aus Eis, die Sessel, die Tische, die Gläser .. einfach alles. Und daher gab es für mich als Gin-Liebhaberin natürlich völlig stilecht einen schwedischen Wannborga-Gin auf Eis.
Nach einem kurzen Besuch in der Eis-Kirche ging es dann auch schon zur Einweisung für die Nacht bei Minusgraden auf Eis. Die Schlafsäcke wurden verteilt, ein paar Verhaltensregeln - und dann konnte es schon fast losgehen. Und so langsam kam die Angst .. es war kalt im "Zimmer", verdamm kalt, so Minus-Grade-kalt. Und dass, wo ich doch kalte Nächte nicht so mag, schließlich will man einen Fuß unter der Bettdecke rausstrecken ohne am Morgen einen Eisklumpen zu haben. Auf was habe ich mich nur eingelassen? War ich völlig bekifft?

Also wurde die weibliche Taktik angewendet: alles rauszögern. Erst mal das erstklassige 3-Gänge-Menü mit den Anderen genießen und ein bißchen und immer mehr dehnen. Hat geklappt. Dann doch mal die eigene Suite anschauen, futuristisch und wunderschön! Aber eben kühl, mehr als kühl.
Folgend darauf in die Saune, vielleicht hilft es ja, Wärme zu speichern. Dazu gab es noch einen Mut-Trunk und das hat dann gefunzt: Dicke Socken an, Leggins, T-Shirt. Zur Sicherheit Handschuhe und die Sturmhaube vom Schneemobil noch mit, den Riesenschlafsack geschultert und ab zur Suite. Notfalls wollte ich halt auf der Sauna-Bank schlafen.
Das "Bettgestell" bestand auch komplett aus Eis. Darin eingefroren war jedoch ein richtes Lattenrost auf dem die Matraze lag, die allerdings keine Stoffummantelung sondern Leder oder ähnliches hatte. Darauf lagen dann noch eine Unmenge von Fellen - mhmm, die Überlebenswille war geweckt.
Aus den Stiefeln raus, in den Schlafsack gekrochen und irgendwie doch gleich entspannt. Jup - es war kühl (genauer -5°), im Gang (es gab nur Vorhänge als Türersatz) waren es schon -12°, ganz draußen waren es immerhin -19°. Es war dunkel, nachdem ich den Lichtschalter direkt am Bett betätigt hatte und es war ruhig. Sehr ruhig, kein Ton war zu hören. Also sollte mir, laut ärztlicher Meinung, die ideale Nacht bevorstehen ...
Langsam wurde es warm, die Handschuhe waren schon aus, die Sturmhaube hatte ich gar nicht aufgesetzt .. der Schlafsack soweit offen, dass das Gesicht im Freien war. Und ich wurde immer müder - müde oder erfriere und sterbe ich nur? Mhmm, keine Ahnung...
Scheinbar war ich doch in Gefahr, jemand rüttelte mich, komisch .. ich hörte auch Stimmen. Fröhliche Nana-Mouskouri-Stimmen, die was von "God Morgon" faselten. Es war auch etwas heller und ich sah, als ich die Augen 2 mm öffnete, auch dampfenden Kaffee auf der Eisbettkante. Es war echt schon Morgen, und das nach nur 10 Minuten Schlaf! Unglaublich - ich hab geschlafen wie ein Murmeltier - und zwar sensationell gut. Und ich hatte überlebt - das kann ich beweisen, ich hab eine Urkunde bekommen ;-).

Ein kurzer Saunagang, dann gab es leckers Frühstück .. und schon war das Abenteuer Eishotel vorbei. Schade, ich hätte gerne noch eine Nacht... oder wenigstens ein Nachmittagsschläfchen, aber leider kamen die Tagestouristen schon wieder, es war wirklich vorbei. Etwas schweren Herzens ging`s zur letzten Hütte an den Rand der schwedischen Wildniss und 3 Tage später ins heimatliche Dresden.

Unterm Strich:
- perfekt Planung von dem Herrn im Reisebüro
- unglaublich nette Leute, die Schweden
- Natur pur
- selten war ein aktiver Urlaub derart erholsam
- jederzeit mit Kusshand wieder
- verdammt, die Ärzte haben Recht: kühl, dunkel und ruhig

 

Saxo

____________________________________________________________________________

http://www.icehotel.com/

Neueste Beiträge